„Man darf nicht vergessen“ – Zeitzeuge Andrei Iwanowitsch zu Besuch im Schlossgymnasium Gützkow

Am 8. September 2026 bekam das Schlossgymnasium Gützkow besonderen Besuch: Andrei Iwanowitsch, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald und Zeitzeuge des Nationalsozialismus, stellte sich den Fragen von Schülerinnen und Schülern in einer großen Fragerunde, wodurch wir viel über sein Leben erfuhren.

Für rund zwei Stunden wurde die Aula des Schlossgymnasiums zu einem Ort der Begegnung mit Geschichte. Neben den Schülerinnen und Schülern waren auch die Schulleitungen unseres Gymnasiums und der Regionalen Schulen Jarmen und Gützkow sowie mehrere Lehrerinnen und Lehrer der Schulen dabei. Außerdem begrüßten wir den Jarmener Bürgermeister André Werner, Monchi von ‚Feine Sahne Fischfilet‘, einen Dolmetscher und ein NDR-Team.

Andrei Iwanowitsch wurde am 1. Mai 1926 in der heutigen Ukraine geboren. Seine Kindheit war von Armut geprägt. Schon früh verlor er seine Mutter, 1941 fiel sein Vater im Krieg. Als Ältester der Geschwister kümmerte sich Andrei um seine jüngeren Brüder und Schwestern. Auf der Suche nach Nahrung wurde er im Alter von nur 15 Jahren von deutschen Soldaten aufgegriffen und zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. In Leipzig musste er für die Rüstungsfirma HASAG arbeiten. Im Februar 1944 wurde er beschuldigt, einer Widerstandsgruppe anzugehören. Daraufhin wurde er von der Gestapo verhaftet und zunächst in das sogenannte „Ausländergefängnis“ in der Riebeckstraße gebracht. Wenig später folgte die Deportation in das KZ Buchenwald. Dort musste er unter lebensfeindlichen Bedingungen Schwerstarbeit im Steinbruch leisten. Anschließend kam er in das Außenlager Wansleben, wo er bis zu seiner Befreiung am 14. April 1945 bleiben musste. Doch auch nach der Befreiung war seine Geschichte noch lange nicht vorbei.

Im Juli 1945 wurde Andrei in die Rote Armee eingezogen. Später holte er seine Schulbildung nach, studierte und arbeitete unter anderem als Zeichner in einem Konstruktionsbüro. 1952 heiratete er und bekam zwei Söhne. Besonders bewegend ist auch seine Geschichte mit seiner Familie. Nach den Jahren der Trennung nahm Andrei wieder Kontakt zu seiner Schwester auf – unter anderem über Briefe. So gelang es ihm schließlich, seine Geschwister wiederzufinden und nach langer Zeit wiederzusehen. Aus einer Familie, die durch Krieg und Verfolgung auseinandergerissen worden war, konnte so zumindest ein Teil wieder zusammenfinden.

Heute lebt Andrei in Minsk und engagiert sich weiterhin für die Erinnerung an die NS-Zeit. Er ist unter anderem in der Geschichtswerkstatt Minsk aktiv und besucht regelmäßig die Gedenkstätte Buchenwald. Trotz seiner schweren Vergangenheit erlebten wir ihn als lebensfrohen, neugierigen und nicht verbitterten Menschen. In Gützkow stand jedoch nicht nur seine Vergangenheit im Mittelpunkt. Andrei stellte sich gemeinsam mit einemDolmetscher den Fragen der Jugendlichen.

Den Anfang der großen Fragerunde machte Monchi, anschließend konnten die Schülerinnen und Schüler selbst Fragen stellen. Dabei ging es unter anderem um seine Familie, seine Flucht und seine Erlebnisse aufgrund des Nationalsozialismus. Der Besuch stand im Zusammenhang mit Andreis Aufenthalt beim ‚Wasted in Jarmen Festival‘.

Auch dort hatte er bereits eine Fragerunde gegeben. Monchi hat organisiert, dass er aus Minsk nach Deutschland einfliegen konnte, die Finanzierung war durch den Demokratietopf möglich.

Die Verbindung zwischen Andrei und ‚Feine Sahne Fischfilet‘ reicht bereits länger zurück: Zu seinem 100. Geburtstag in Weimar spielte die Band vor großem Publikum. Für die Schülerinnen und Schüler war der Besuch in Gützkow eine besondere Erfahrung. Ein Mensch, der als Jugendlicher selbst Opfer von Zwangsarbeit und nationalsozialistischer Verfolgung wurde, saß plötzlich vor ihnen und erzählte seine Geschichte – nicht aus einem Geschichtsbuch, sondern aus eigener Erinnerung.

https://www.buchenwald.de/besuch/veranstaltungen/Zeitzeugengespraech-mit-Andrej-Iwanowitsch-Moiseenko; 30. September 2026

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